Show Don’t Tell I – Was ist Show Don’t Tell und brauche ich das für ein gutes Buch?

Show Don't Tell

Auf den Begriff Show Don’t Tell stößt vermutlich jeder, der sich ein wenig mit Schreibtechniken beschäftigt. Völlig überschätzt und unnötig sagen die einen, für andere ist Show Don’t Tell der Heilige Gral des Schreibens. Ich selbst LIEBE Show Don’t Tell, glaube aber auch, dass diese Technik nicht durchgehend angewandt werden muss. Und wenn jemand der Meinung ist, er kann mit Show Don’t Tell nichts anfangen, finde ich das genauso in Ordnung – ich persönlich würde den Text vermutlich nicht mögen, aber andere Leser wiederum schon. Es ist wie alles also Geschmackssache. Trotzdem möchte ich dir in dieser kleinen Reihe zur Schreibtechnik zeigen, warum ich so gern auf Show Don’t Tell setze, wann ich es benutze und wann nicht, wie ich Show Don’t Tell umsetzte und dir auch ein paar Beispiele mitgeben. Bitte bedenke, dass all das hier mein persönlicher Geschmack ist und es bei kreativen Tätigkeiten kein »richtig« und »falsch« gibt.

Show Don’t Tell oder Zeigen nicht Erzählen

Show Don’t Tell bedeuten Zeigen nicht Erzählen und was genau das eigentlich bedeutet, lässt sich am einfachsten mit einem sehr simplen Beispiel zeigen:

Mir ist kalt.Ich zittere und reibe mir über die Arme.

Es geht darum, dem Leser nicht einfach nur zu erzählen, was passiert, wie etwas aussieht, was der Protagonist fühlt, sondern ein Bild zu erzeugen, in das sich der Leser hineinversetzen kann. Zumindest mir geht es so, dass ich beim zweiten Satz direkt spüre, wie kalt es ist. Weil ich die körperliche Reaktion aus eigener Erfahrung kenne. Und selbst – oder gerade dann – wenn ich noch nie in meinem Leben gefroren habe, vermittelt mir der zweite Satz ein sehr viel besseren Eindruck.

Wie der Leser Dinge erfahren sollte

Bei Tell, also dem Erzählen, erzähl ein Erzähler, was passiert, was für ein Typ Mensch jemand ist, wie ein Ort aussieht, welches Wetter herrscht und so weiter.
Bei Show, also dem Zeigen, erleben die Protagonisten, was passiert, was für ein Typ Mensch jemand ist, wie ein Ort aussieht, welches Wetter herrscht und so weiter.
Es gibt Situationen, in denen Tell durchaus angebracht ist (darauf gehe ich im dritten Teil dieser Serie ein), aber in den allermeisten Fällen bietet sich Show Don’t Tell einfach mehr an. Statt zu erzählen, dass die Sitznachbarin in der Schule eine Streberin ist, bringt es viel mehr, zu zeigen, dass sie eine ist.

Alison ist die größte Streberin der Klasse. Alison sitzt wie immer als erste auf ihrem Platz, die Hausaufgaben bereits fein säuberlich auf dem Tisch ausgebreitet. Sie sitzt so aufrecht, dass ihre Wirbelsäule durchbrechen müsste, und wartet auf ihren geliebten Lehrer.

Ich behaupte mal, 95% der Leser schließen von selbst darauf, dass Alison eine Streberin ist. Und gleichzeitig bietest du den Lesern so ein viel klarere, einprägsameres Bild von Alison. Der Leser kann sie kennenlernen, anstatt nur das stereotype Bild einer Streberin zu sehen.

Aber Show ist doch so viel länger als Tell!

Da hast du recht. Allein mein erstes Beispiel ist mehr als doppelt so lang, als die Tell-Variante. Das muss aber nicht sein. Ich merke sogar immer wieder, das gutes Show oft genauso kurz wie Tell gehalten werden kann. Beispiel gefällig?

Mir ist kalt.Ich zittere und reibe mir über die Arme.

Hier ist das Zeigen sogar kürzer als das Erzählen!
Dir ist das jetzt zu unpräzise, weil der Ich-Erzähler ja aus allen möglichen Grünen zittern kann? Dann bauen wir einfach noch ein wenig dazu.

Ich gehe durch die mit Schnee bedeckte Landschaft. Mir ist kalt. Schnee knirscht unter meinen schweren Stiefeln. Ich zittere.

Siehst du, wie Show immer noch so lang ist wie Tell und der Leser in beiden Beispielen die gleiche Information (Schnee, Kalt) erhält – aber löst das Show-Beispiel nicht ein wenig mehr bei dir aus? Beides sind natürlich keine literarischen Wunderwerke und der Unterschied wird nicht allzu deutlich, wenn man zwei möglichst knapp geschriebene Sätze betrachtet, aber ich denke, vom Prinzip her verstehst du, was ich meine. In der Realität gibt es kein reines Show oder Tell, sondern beide Methoden vermischen sich.

Längen an den richtigen Stellen

Das bringt mich gleich zu meinem nächsten Argument: Ist es denn schlimm, wenn Show länger ist als Tell? Ich persönlich lese viel lieber vierzig Seiten mehr von einem wirklich gut geschriebenen Text, der es schafft, mich in eine andere Welt zu ziehen, als einen knapperen Text, der Ereignisse einfach nur effizient abarbeitet. Ich möchte eine bewegende Geschichte lesen und keine präzise Zusammenfassung von Ereignissen. Deshalb stört es mich nicht, wenn Show länger wird als Tell.

Die Tür öffnet sich und vor mir steht der schönste Junge, den ich je gesehen habe. Seine Augen sind blau und tief. Er scheint abgelenkt, als er die Bibliothek verlässt. Die Tür öffnet sich und im ersten Moment sehe ich nur blaue Augen. Ich hatte nie viel für blaue Augen übrig, deshalb schockt mich meine Faszination umso mehr. Ich reiße mich zusammen und konzentriere mich auf den Rest seines Gesichts, die fein geschwundene Nase, wie sie seine Locken an seine Wangenknochen schmiegen … – stop. Das ist das Gegenteil von Zusammenreißen. Etwas Schweres legt sich in meinen Magen, als ich merke, dass er, dass seine blauen Augen, mich keines Blickes würdigen. Sie sind vertieft in den Klappentext eines Buches.

Wie empfindest du diese Absätze? Vielleicht gefällt dir das linke Beispiel sogar besser, weil du nichts übrig hast für romantische Schwelgereien (oder du einfach einen anderen Geschmack hast als ich, was Schreibstile betrifft). Deshalb finde ich es wichtig, sich zu überlegen, welche Teile deines Buches mehr Show brauchen und welche mehr Tell. Bei einem Liebesroman setzt man natürlich ganz andere Prioritäten als bei einem Fantasyroman mit epischen Kriegsszenen! Mir geht es darum, dir zu zeigen, dass länger nicht unbedingt schlechter bedeutet (auch wenn das natürlich durchaus vorkommen kann :D).

Brauche ich Show Don’t Tell wirklich?

Die kurze Antwort: Nein.
Du bist nicht verpflichtet, auf irgendeine Schreibregel zu achten. Wenn du ein ganzes Buch im Tell-Stil schreiben willst, weil es sich für dich gut anfühlt, ist das deine freie Entscheidung. Ebenso kannst du ein komplettes Buch aus wirr aneinander gereihten Worten veröffentlichen. Schreiben ist Kunst.
Schreiben ist aber auch Handwerk. Und wenn du ein mitreißendes Buch schreiben willst, in das Leser eintauchen wollen, können dir Regeln des Handwerks Schreiben dabei helfen. Du musst nicht jede Regel des Schreibens befolgen und es ist immer gut, jede Regel, jeden Tipp von allen Seiten zu beleuchten, um dir eine eigene Meinung zu bilden. Aber wenn ich dir nur eine einzige Regel ans Herz legen darf, ist es Show Don’t Tell. Denn für mich – und die meisten Leser – macht diese Technik den Unterschied!

Alles schön und gut, aber wie genau setze ich Show Don’t Tell jetzt um?

Das ist ein so komplexes und individuelles Thema, dass ich dazu mehr im zweiten Teil dieser Reihe erklären möchte. Nein, Nicht erklären, zeigen natürlich. 😉
Falls ich dich mit meinen Erklärungen, warum ich Show Don’t Tell als so wichtig einschätze, überzeugen konnte, freue ich mich auf deinen Besuch beim praktischeren zweiten Teil meiner Show Don’t Tell Reihe, welcher nächste Woche erscheint! Im dritten Teil zeige ich übrigens, in welchen Situationen Tell seine Berechtigung hat, da du natürlich nicht jede Kleinigkeit mit Show darstellen musst!

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